Damals, 24. Oktober 2009: Ich saß im Audimax der Uni Wien. Ich hatte gerade vor 3 Wochen angefangen, in Wien Politikwissenschaften zu studieren und war irgendwie auf der Suche.

Gewesen.

Denn ich war gerade mit zig anderen Studierenden dabei, das Audimax zu besetzen.

Die Möglichkeit, mich politisch zu engagieren ohne irgendeine bestimmte Ideologie unterschreiben zu müssen, elektrisierte mich. Ebenso wie die Hoffnung und Euphorie all der Menschen, mit denen ich im Raum saß.

Die Besetzung sollte nicht länger als 2 Monate dauern.

Und doch war sie der Startschuss für viele der Veränderungen in meinem Leben seither. Damals hatte ich, der ich nie wirklich vorhatte, Trainer zu werden, meinen ersten Workshop für Gewaltfreie Kommunikation gehalten.

Die Beschäftigung mit Gewaltfreier Kommunikation, ihre Weitergabe und die Suche nach Möglichkeiten, sie für einen höchstmöglichen, positiven Wandel in der Welt einzusetzen ist jetzt mein Hauptlebensinhalt.

Um das zu feiern, poste ich hier die Mail, die ich damals in voller Euphorie an alle meine bis dahin gesammelten E-Mail-Kontakte geschrieben hatte, an Freunde, Familie und Bekannte, an MusikerkollegInnen und SchulkameradInnen.

Ich habe damals einen großen Schritt aus meiner Komfortzone heraus gewagt. Und es hat sich gelohnt wie noch etwas.

Möge es mir eine Erinnerung sein!

Jetzt die Mail,
ich hoffe euch gehts gut (=viele erfüllte Bedürfnisse),
georg :)

(und ja, ich glaube auch mein Schreibstil hat sich ein wenig entwickelt :D)

“Seid gegrüßt, liebe Leutinnen und Leute!

ich möcht hiermit kurz amol mitteilen, was ich grad mache, was ich studiere, wie es mir geht und so weiter.
Also: Ich wohne und studiere jetzt in Wien. Am 3. Oktober bin ich mit meinem Vater in einem randvoll (unter anderem mit einem Klavier) geladenen Stadtmobiltransporter runtergefahren und hab alles in meine WG im 2. Bezirk, 2 Minuten vom Zentrum und 5 Minuten von der Hauptuni entfernt. Ich hatte mich an der Uni für angewandte Kunst für den neu eingerichteten Studiengang Sprachkunst beworben und wurde leider noch nicht mal zur Aufnahmeprüfung zugelassen. Aber es haben sich immerhin soweit ich weiß um die 600 Leute beworben, knapp 50 wurden vorgelassen und 15 wurden genommen. Also pretty much Aussiebung.
Ich war gleichzeitig an der Hauptuni für Vergleichende Literaturwissenschaften eingeschrieben, weil ich mich mit zweien meiner Talente, dem Schreiben und Fremdsprachen, beschäftigen wollte. Und die ersten Vorlesungen dort, die Ablehnung von der Angewandten und verschiedene Gespräche haben einen Reflektionsprozess in Gang gesetzt, in dem ich für mich herausgefunden habe, dass ich Kunst machen (in dem Fall vor allem literarisch und poetisch schreiben, Musik ist damit nicht gemeint) unbewusst als den einzigen Weg gesehen hatte, intensiv zu fühlen und dass ich geglaubt hatte, dass ich nur glücklich leben kann, wenn ich meinen Lebensunterhalt mit ebendieser Kunst verdiene. Ich hab auch für mich klar bekommen, dass mich in Wahrheit Literatur nicht wirklich interessiert, indem ich mir bewusst gemacht habe, dass ich, wenn ich lese, Zeitung lese, und mir für die meiste Literatur die Lust fehlt.
Ich hab mich dann entschieden, Politikwissenschaften zu studieren, weil das mich interessiert, und weil ich vor allem Gewaltfreie Kommunikation (GfK), wo ich ja eine Trainerausbildung zu gemacht habe im letzten halben Jahr, irgendwie in den politischen Prozess einbringen will, in welcher Form auch immer, und ich schau, wohin das führt. Ich hab dann vor, nächstes Semester dazu noch Romanistik (französisch und spanisch) zu studieren, um mein Talent dafür, Sprachen zu lernen, zu füttern und weil ich auch schon ewig Französisch lernen will und Spanisch lern ich ja schon und möcht das irgendwann fließend bekommen.

Und jetzt kommt der eigentliche Hammer: Wahrscheinlich habt ihr es in Deutschland noch nicht mitbekommen, weil das in deutschen Zeitungen noch kein Thema ist: Das Audimax der Hauptuni Wien, an der ich seit 2 Wochen Politikwissenschaften studiere, ist seit 2 Tagen, also seit Donnerstag um 12:45h von den Studierenden (gendergerechte Bezeichnung, oh yeah!) besetzt, aus Protest gegen die Wiedereinführung der Studiengebühren in Österreich und, grob gesagt, die Verschulung und Unterfinanzierung der Unis, der daraus resultierenden Studienbedingungen und aus “Kampf” für freie Bildung (also ohne Zugangsbeschränkungen, sei es für Bachelor- oder Masterstudien). Forderungskatalog auf www.freiebildung.at und Berichterstattung und Fotos unter Anderem auf www.derstandard.at.
Und im Moment sind wir dabei, in verschiedenen Plenums- und Arbeitsgruppensitzungen über die schon bestehenden Forderungen hinaus (die auch in Arbeitsgruppen weiter ausgearbeitet werden) eine gemeinsame Linie zu finden, weil diese Besetzung NICHT von einer politischen Organisation geplant war, sondern spontan aus einer Demonstration gegen die Einführung des Bachelor-Master-Systems an der Akademie der Bildenden Künste heraus entstand. Es gibt also von mindestens 2000 Studenten zahlreiche unterschiedliche Ansätze, politische Richtungen und Weltbilder, die im Plenum aufeinanderprallen. Und da ich die einzige (Teenage-)Giraffe auf weiter Flur bin (jedenfalls hab ich noch niemanden getroffen, der GfK kann), bin ich, wie viele andere auch, bei der Art, wie die Plena ablaufen echt total frustriert, weil ich gerne hätte, dass die ganzen Diskussionen effektiver und konstruktiver ablaufen. Im Moment gibt es noch ganz normale, noch nicht mal nach Themen geordnete Redelisten und Moderatoren, die noch nie Diskussionen moderiert haben, und dementsprechend sind die Diskussionen ziemlich zerfasert, drehen sich im Kreis, sind verwirrend und lang, lang, lang. Leute die Einwände haben werden nicht wirklich gehört, also ich wünsch mir vieeeeeeeeeeeeeeel mehr wirkliches gegenseitiges Verständnis.
Gleichzeitig freu ich mich total darüber und möchte wertschätzen, dass ich so viel Engagement und Veränderungs- und Diskussions- und Verständniswillen von ganz, ganz vielen Leuten hier mitbekomme.
Und ich versuche, GfK irgendwie einzubringen, nach dem gestrigen Abendplenum war ich bei einer Arbeitsgruppe dabei, die sich damit beschäftigt hat, wie wir die Plena effektiver abhalten können, und ich hab zwischendurch soweit ich konnte gewaltfrei moderiert (mit empathischem Zuhören und allem Pipapo) und die Entscheidungsweise, dass eine Gruppenentscheidung getroffen ist, wenn es keine schwerwiegenden Einwände mehr gibt, eingebracht und das wurde für die Arbeitsgruppe übernommen und hat, eben mit Moderation, da gut funktioniert. Für das Plenum hat das noch nicht wirklich funktioniert, weil da noch viel mehr, weiß auch nicht, Kommunikations- und Zuhörfertigkeiten in der Gruppe und der Moderation da sein müssen. Und ich trau mir noch nicht vollends zu, einen Saal von 500-800 Leuten zu moderieren, und vor allem hab ich nicht die Energie dazu, weil ich viel in Arbeitsgruppen dabei bin (gestern zum Beispiel ham wir bis um halb 3 geredet), und außerdem möchte ich von der Vorstellung Abstand halten, dass es allein an mir liegt, ob diese Bewegung funktioniert und sie stattdessen durch die Vorstellung ersetzen, dass ich das beitrage, was ich beitragen möchte (und ich möchte ganz viel beitragen) und auch nur das, was ich energiemäßig kann.
Und siehe da, ich werde, wenn ich mit der Vorbereitung zu Rande kommen, am Sonntag (also morgen…) einen 2-stündigen Einführungsworkshop zu Gewaltfreier Kommunikation halten, mal schauen, wie sehr das auf Resonanz stößt. Also trage ich auf anderem Wege dazu bei, dass effektivere und verbindendere Kommunikationsformen verbreitet werden. Und dass durch kleine Schritte und so weiter und so fort da nachhaltig was vorangeht, mal schauen, ich bin relativ zuversichtlich, dass die Besetzung weitergeht und wir auch so zu effektiveren Plena kommen, weil immerhin viel Wille da ist, eine stabile Bewegung zu erschaffen, bei der auf flache, temporäre Hierarchien und auf gender- und behinderten- und so weiter gerechte Strukturen geachtet wird. Und dass die Bewegung offen für weitere Bevölkerungsgruppen ist (in Ermangelung eines besseren Wortes): ErzieherInnen, Schüler, Lehrende, ProfessorInnen, “ArbeiterInnen” uvm.

Ähm, ja. Gerade sitze ich in einem Plenum und schreibe und schreibe. Und je länger ich schreibe, desto kälter wirds (dieser blöde Zigarettenrauch muss auch irgendwie weggelüftet werden…), aber die Plenumsdiskussion ist echt viel strukturierter, klarer, effektiver als heute mittag, als gestern. Nice!

Und ich schüttele innerlich ein wenig den Kopf darüber, dass ich jetzt 2 Wochen lang Politikwissenschaften studiere und schon in der zweiten Woche zu keiner Vorlesung da war.
Aber ich glaube, ich mach hier sowieso grad ein Proseminar in praktischer Politik =).

Anyway, I want to spread this news, wer also von euch in Deutschland studiert (wenn ihr denn schwerwiegende Einwände gegen eure Studienbedingungen habt): mobilisiert, solidarisiert euch (in Ermangelung eines Ausdrucks, der mir mehr gefällt), macht mit! =) Forderungen und Näheres, wie gesagt unter der vorläufigen Homepage www.freiebildung.at

viele Grüße aus dem studentenbewegten Wien, ich geh jetzt dann nach Hause, meinen Workshop vorbereiten.

alles Liebe,

Georg =)”